Offener Brief an die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff

Sehr geehrte Sibylle Lewitscharoff,

in Ihrer Dresdner Rede am 2. März haben Sie Ihre Abscheu vor Kindern, die durch künstliche Befruchtung zur Welt kommen, formuliert. Diese Kinder haben Sie als Halbwesen bezeichnet, als nicht menschlich, geradezu als monströs.

“Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.”

Durch Ihre Worte bekommt das Wort “Fremdschämen” eine völlig neue Bedeutung, denn es geht weiter:
“Der eigentliche Horror resultiert für mich dabei [...] aus den Methoden, auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen. Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein, die weithin geschätzten Reproduktionsmediziner, haben ein sauberes Arztkittelchen an und werkeln nicht mit brodelnden Glaskolben und in einer mit giftigen Dämpfen erfüllten mittelalterlichen Bogenhalle. Es geht dabei sehr rein und fein und überaus vernünftig zu. Der Vorgang selbst ist darum nichts weniger als abscheulich.”

“Abscheulich” ist dabei allein Ihre Position, die nicht nur menschenverachtend ist, sondern schlichtweg grotesk! Was kann ein Kind, das auf diesem Wege gezeugt wurde, für Ihr beängstigendes, verachtendes und hinterwäldlerisches Menschenbild? Der Fortschritt der heutigen Medizin ist ein Segen; ein Segen für Menschen mit auf natürlichem Wege unerfüllbarem Kinderwunsch und ein Segen für die Kinder, die ihr Leben dieser fortschrittlichen Wissenschaft verdanken. Es sind Kinder, wie alle anderen auch, es gibt keinen Unterschied!

“[..] Wie verstörend muss es für ein Kind sein, wenn es herausbekommt, welchen Machinationen es seine Existenz verdankt.”

Aber Sie gehen noch weiter: Leihmutterschaft und lesbische Paare werden bei Ihnen als Fortführung nationalsozialistischer Familienpolitik mit anderen Mitteln bezeichnet – unglaublich. Liebe gibt es  auch zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren und sie haben ein Recht darauf, akzeptiert zu werden.

Im Hinblick darauf, dass Sie Schriftstellerin sind und in der “Kraft der Worte” zu Hause, hätten Sie sich selbstkritisch fragen müssen, ob es an dieser Stelle nicht besser gewesen wäre, zu Hause zu bleiben, Ihre Rede in den Papierkorb zu werfen und zu hoffen, dass sie niemals – NIEMALS – wieder auftaucht. Vielleicht sollten Sie einmal darüber nachdenken, Ihre Auszeichnung, den “Georg-Büchner-Preis”, wieder abzugeben, denn Menschen, die Ressentiments und Vorurteile schüren, haben in meinen Augen keine Auszeichnung verdient.

Mit freundlichem Gruß
Elisabeth Motschmann