Unsere Gesellschaft braucht eine Kultur des Hinsehens

Deutschland und auch Bremen sind hervorragende Technologiestandorte. Sind wir aber auch ein hervorragender Standort der Menschlichkeit?  Durch tragische und spektakuläre Fälle werden wir daran erinnert: Es fehlt eine Kultur des Hinsehens.

Es ist nicht das erste Mal, dass Menschen in ihrer Wohnung aufgefunden wurden, die mehrere Tage oder sogar Wochen tot waren, ohne dass irgend jemand dies bemerkte hätte. Der jüngste Fall fand in dieser Woche in Bremen statt – ausgerechnet in einer Senioreneinrichtung, der Egestorff-Stiftung. Bisher hat niemand am guten Ruf dieser Einrichtung gezweifelt.

Aber gerade hier blieb eine tote Rentnerin zwei Wochen unentdeckt. Täglich wurde ihr das Essen vor die Tür gestellt und unberührt wieder abgeräumt. Das erschüttert die Stadt. Die Aufregung ist groß.  Zu Recht. Die Fragen häufen sich. Wie konnte das passieren? Wer hat versagt?

Aber wie viele Fälle werden uns gemeldet, die uns vergleichbar erschüttert haben. Dazu zählt der Tod des kleinen Kevin in Bremen ebenso wie die Menschen, die in der Öffentlichkeit überfallen werden, ohne dass Passanten ihnen helfen. Das geschieht täglich in unserem Wohnumfeld, wo Kinder oder Erwachsene  leiden, ohne dass Nachbarn einschreiten. Das erleben ausländische Mitbürger, die rücksichtslos, verachtend oder gar gewalttätig behandelt werden. Aber nicht nur sie, sondern jeder von uns steht in der Gefahr, diese Erfahrungen zu machen. Die Kultur des Wegsehens ist ausgeprägt, die Kultur des Hinsehens ist unterentwickelt.

Nach jedem spektakulären Fall wird Aufklärung gefordert, Besserung gelobt. An guten Vorsätzen fehlt es nicht. Man möchte sagen: „The same procedure as every year.“ Vergleichbar ist dieses Verhalten mit dem, was wir auf den Autobahnen erleben: Sieht man einen schweren Verkehrsunfall, fahren alle eine Weile deutlich langsamer. Aber nach kurzer Zeit geht die Raserei wieder los.

Wenn etwas falsch gelaufen ist, sucht man die Schuldigen. Das ist richtig. Für Vieles werden die Politiker verantwortlich gemacht. Das ist einfach. Verantwortung für das Miteinander in unserer Gesellschaft tragen jedoch nicht nur Politiker oder die Polizei. Das Zusammenleben geht alle etwas an. Jeder trägt Verantwortung. Niemand ist ausgenommen. Vielleicht sollten wir uns wieder mehr um  die Vermittlung von Werten wie Nächstenliebe oder Hilfsbereitschaft kümmern. Diese Werte und nicht in erster Linie materielle Werte machen unsere Gesellschaft menschlich und lebenswert.

Zu viele Menschen blicken nur auf sich selbst und ihr unmittelbares Umfeld. Zu wenige richten den Blick auch auf ihren „Nächsten“ in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in allen Bereichen der Gesellschaft.

Dabei gibt es durchaus gute Beispiele für gesellschaftliches Engagement. Es gibt gute Beispiele für mutiges Eingreifen in kritischen Situationen. Es gibt selbstlose Hilfe für diejenigen, die Hilfe brauchen. Es gibt Menschen, die vorbildlich zeigen, was man machen oder verhindern kann, wenn man hinsieht und nicht wegsieht.  Die Medien berichten auch darüber. Allerdings stehen die „bad news“ zu oft im Vordergrund.

Unsere Gesellschaft braucht immer wieder aufs Neue Vorbilder. Nichts motiviert so sehr wie das gelebte Vorbild zum positiven Handeln, zum beherzten Eingreifen in kritischen Situationen, zur Rücksichtnahme und Hilfeleistung. Unsere Gesellschaft braucht eine Kultur des Hinsehens. Dafür ist jeder einzelne zuständig.